Nach der wunderschönen Fahrt durch den Central Belt mit all seinen hügeligen Wiesenlandschaften, üppigen Eichen, darunter weidenden Schaf- und Ziegenherden und verstreuten Felsen – eine Landschaft, als wäre sie direkt einem barocken Gemälde entsprungen – kamen wir in den Highlands und damit in raueren Gefilden an. Auf dem obligatorischen Weg zum Loch Ness konnten wir ungewöhnliche Bergpanoramen bestaunen und die Weite und Einsamkeit des nördlichen Schottlands.
Das Loch Ness – der zweitgrößte der schottischen Süßwasserseen, der vermutlich ein Überrest des Meeres ist – mit einer Tiefe von 230m war beeindruckend und die darüber hängenden Nebelschwaden trugen das ihre zur geheimnisvollen Aura dieses Ortes bei. Nessie war jedoch keine zu sehen, stattdessen die ausgestellte Ausschlachtung eines Mythos. Skulpturen des freundlichen Meeresmonsters untermauerten stillschweigend den Bedarf eines Nessie-Restaurants, -Hotels, -Museums, und wie bei vielen Touristenattraktionen, die eigentlich gar keine sind, war es fast so als bedürfe dieses Dorf der Legitimation durch dieses Fabelwesen, welches an einem ähnlich nebligen Tag der Fantasie eines kreativen Schotten entsprungen sein mag. Wir blieben die Nacht über in Inverness, einem Dorf an der Mündung des Lochs. Die vielen, für angelsächsische Länder ungewöhnlichen, Bezeichnungen entspringen dem Gälischen, einer aussterbenden und äußerst poetischen, keltischen Sprache.
Am nächsten Tag fuhren wir Richtung Isle of Skye, der größten Insel der inneren Hebriden im Nordwesten Schottlands, auf der noch ca. 30 Prozent der Bevölkerung Gälisch sprechen. Auf halber Strecke, übernachteten wir in der unendlichen Einsamkeit und machten unsere erste Bekanntschaft mit einem der am besten gehüteten Geheimnisse Schottlands: der Highland Midge; einer Mückenart so mikroskopisch klein, dass man sie zuerst milde lächelnd als „Fliegerl“ abtut, nur um nach einem halbminütigen Aufenthalt außerhalb des Autos, geschockt vor den äußerst aggressiven und in Schwärmen angreifenden Blutsaugern zu fliehen. Aufgrund ihrer Winzigkeit sind sie natürlich auch im Auto und überhaupt anscheinend überall und nur die exzessive Anwendung eines Giftes, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, konnte dem Grauen Abhilfe verschaffen.
Am nächsten Tag herrschte schottisches Bilderbuchwetter, meint Regen, doch trotzdem wagten wir einen kleinen Spaziergang durch die moorige Heide. In einem kleinen Felsplattensee entdeckte ich winzige Grottenolme, die süßesten Tierchen der Welt, eine Mischung aus Fisch und Frosch, ca. 3 cm lang und unzählige davon. Danach ging es weiter zur Insel, welche jede Reise wert ist. Das ohnehin spärlich besiedelte Land, erhebt sich hier zu einer Sinfonie aus Wildnis und Anmut, die einen staunend verstummen lässt. Meeresarme ragen ins Inselinnere, gesäumt von riesigen Wasserpflanzenteppichen und unzähligen Wiesenblumen. Immer wieder queren einzelgängerische Schafe und Widder die Straße, im Norden ragen Steilküsten ins stürmische schäumende Meer und das alles umgeben von einer Bergkulisse, die aussieht wie die kitschige Landschaftstapete in einer Plattenbau-Wohnung, nur eben in diesem Fall beeindruckend echt.
Hier campten wir ein paar Tage. Die Nächte in Schottland sind kühl, regnerisch und sehr windig und am frühen Morgen (also nach unserer Zeitrechnung um 10h J ) ist es meist neblig und düster, bis die Wolken kurz vor Mittag aufbrechen und der strahlenden Sonne den Weg räumen. Die Nächte sind außerdem auch lang, da hell. Richtig dunkel wird es kaum und um 4h morgens herrscht bereits Tageslicht. In der dämmrigen Dunkelheit der Mitternacht verließen wir die Insel - am Horizont die blauvioletten Streifen eines schon etwas verausgabten Sonnenuntergangs. Die Ufer lagen wie pechschwarze Flügel im silberschimmernden Meer. Ein gebührender Abschied. Wieder am Festland führte der Weg durch Wald und Wiesen und plötzlich kreuzte mitten auf der Straße eine Hirschfamilie unseren Weg, kleines Bambi inklusive. So ging es dann eine Stunde lang dahin. Nach jeder Kurve eine ganze Gruppe dieser wunderschönen, verblüffend großen Tiere. Angestrengt vom konzentrierten Fahren blieben wir am Rand der Straße stehen, um zu schlafen.
Irgendwie sind wir inzwischen ein bisschen erschöpft vom vielen Reisen, weshalb wir beschlossen haben ein paar Tage zu pausieren, bevor wir nach Glasgow und damit der letzten Station in Schottland aufbrechen. Hier im Siedekreis des Loch Ness ist ein Naturschutzgebiet mit zahlreichen Wanderwegen. Neben einem kleinen Flüsschen – dem Arm des Loch Lochy (wie kreativ) - und der Ruine eines mittelalterlichen Schlosses, haben wir einen ruhigen Stellplatz gefunden, werden ein paar Tage bleiben, uns am Flussufer ausruhen und den Ben Nevis besteigen.
Das war unser Plan, denn nach der brennenden Hitze des gestrigen Tages war ich sicher, dass weitere Sonnentage folgen würden. Dem ist nicht so, die Launenhaftigkeit des schottischen Wetters ist nicht zu unterschätzen und heute zeigt sich der Himmel düster wie eh und je. Deswegen sind wir nun doch vorzeitig aufgebrochen und fahren gerade weiter nach Stirling, einer Stadt kurz vor Glasgow.
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