Verfasst vor 3 Tagen:
So. Inzwischen ist wieder viel Zeit vergangen. Wir sitzen auf der Fähre nach Calais, Frankreich und haben nun endlich Muße England Revue passieren zu lassen. Nach einem Wandertag nahe Stirling landeten wir in Glasgow – der letzten Station in Schottland. Hier hatten wir in einem Pub, der keine englischen Klischees erfüllte, das Spiel Deutschland gegen Australien verfolgt. Die Atmosphäre hatte sogar recht amerikanisch angemutet: ein lebensgroßes, sich selbst marinierendes, Hot-Dog, ein von der Decke hängender Chevy, indem die Blues Brothers Platz genommen hatten und das obligate Obama-Poster in Warhol-Stil – die neue Ikone, eingeschmolzen in jenem erhitzten Kessel der Politik und Popkultur legiert und auferstanden als frischgepressster Markenartikel Marilyn, ready für den Massenmarkt. Anscheinend ist Glasgow ein äußerst heißes Pflaster mit lauter Verrückten - das Rotweinglas aus dem ich trank war jedenfalls ein Imitat aus Plastik und die Engländer für die Deutschen. Nach dem Spiel ging es weiter Richtung Lake District, einem Erholungsgebiet an der Westküste, zuvor gab es noch einen kurzen Zwischenstopp in einem buddhistischen Kloster, mitten in der schottischen Pampa. In tiefster Dunkelheit gelangten wir dorthin und haben auf dem Weg unser erstes größeres Tier überfahren – die dicke Paste aus Fliegen und Faltern, die unsere Scheibe verkrustet und regelmäßig abgeschabt werden muss, zeigt, dass wir insgesamt gesehen schon weitaus mehr Lebewesen auf dem Gewissen haben als uns lieb ist.
Abgesehen von diesen Bluttaten ist in ganz Großbrittanien alles so sicherheitsorientiert, dass einem fast schlecht davon wird. Angefangen bei ständigen Erläuterungen darüber wie ein Auto perfekt zu steuern sei, die eine ganze Palette großflächig angebrachter Aufschriften wie „Slow Down“ und „Reduce Speed Now“, oder den etwas drastischeren Slogan „Aggression Kills“ umfassen, führt der liebevoll sanfte Schultergriff einverleibter Wohlfahrtspolitik den inzwischen schon recht weichgeklopften Bürger zur kritiklosen Akzeptanz extremer Videoüberwachung, „Neighborhood Watch Areas“, dem Verkaufsverbot von Alkohol ab 22h – wohlgemerkt nur in Schottland und sinnigerweise sind Bars davon ausgeschlossen – inklusive hoher Altersfreigabe (Alkohol ab 25 Jahren und Zigaretten ab 18 Jahren), enormer Unterschriftenkontrolle bei bargeldlosem Zahlungsverkehr und endet in einem Fiasko – der Liasion von Wein und Plastik. Die britischen Einwohner sind, um nach dieser Kritik auch Positives anzumerken, die bisher mit Abstand höflichste Bevölkerungsgruppe Europas und ausgesprochen hilfsbereit. Nicht nur, dass uns jeder Kassierer und Imbissverkäufer gefragt hat, ob wir denn auch einen schönen Tag hinter uns haben, auch Entschuldigungen kamen sehr schnell über die Lippen, was mich dazu bringt, dass ich schmunzeln muss und mir einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen kann, wenn ich mich frage, ob dies bei der Kolonialisierung auch ähnlich von statten ging. Die von animalischer Gier angetriebene und dazu im krassen Gegensatz elegant durchgeführte Machtübernahme durch ein weltmännisch gewandtes Königreich. So quasi „Wir nehmen euch zwar alles weg, misshandeln und ruinieren euch für immer, aber wir bedauern dies zutiefst und möchten uns schon jetzt für jegliche Unzulänglichkeit, die daraus resultieren sollte, vielmals und von ganzem Herzen entschuldigen“. Trotz dieser dunklen Vergangenheit ist die britische Zuvorkommenheit natürlich äußerst angenehm. Außerdem haben die Engländer einen charmanten Akzent, die Schotten tragen sexy Röcke und nirgendwo sonst habe ich derartig viele Männer mit nacktem Oberkörper auf den Straßen gesehen- das allein stimmt milde.
Zurück zum Lake District. Dort verbrachten wir ein paar erholsame Tage auf einem Parkplatz im tiefen, sattgrünen Wald. Es gibt hier viele Rundwanderwege, die wir auch nutzten und die kleinen Orte sind idyllisch und, da das Gebiet sehr groß ist, nicht allzu überlaufen. Auch war es sehr angenehm überall legale Parkmöglichkeiten vorzufinden, auf denen Camping kein Problem darstellte und deren Preise mit ca. 4 Pounds pro Tag erschwinglich waren.
Weiter ging es Richtung Süden und Liverpool. Kurz davor legten wir einen Zwischenstopp in Southport, an der Westküste, ein. Ein wunderbar weiter Strand erwartete uns. Das Wetter war leider noch zu kühl, um baden zu können, stattdessen begegnete uns eine große Gruppe Jugendlicher, die unter Organisation der Seventh Day Adventist Church hier ihr alljährliches Treffen abhielten. Im Abendrot der untergehenden Sonne fand hier am Strand ein kurzer Gottesdienst statt und wir wurden eingeladen teilzunehmen. Es war sehr schön und vorallem fröhlich – mit lauthals gesungenen Gospelliedern und gemeinsamen Beten, das einem lockeren Gespräch ähnelte, anstatt ein strenger Verweis mit erhobenem Zeigefinger zu sein – der verführerischen Versuchung Aspekte der Askese zu erläutern konnte jedoch auch diese Organisation nicht widerstehen. Die Mädels und Jungs waren sehr zugänglich und aufgeschlossen und ihre dezenten Rekrutationsversuche minderten die nette Begegnung keineswegs.
Am nächsten Tag legten wir im stickigen Auto (das Fenster auf der Beifahrerseite lässt sich nur mehr schwer bedienen – Kurbel kaputt – aus Angst, es könnte nicht mehr zugehen, lassen wir es meist ungeöffnet und da ich öfters auf dieser Seite sitze, bange ich schon vor dem nahenden Süden) die letzte Strecke nach Liverpool zurück. Dort spazierten wir nur kurz durch die recht triste Industriestadt, die uns nicht sonderlich gefiel und fuhren ein paar Stunden später ins nahegelegene Birmingham.
Diese Stadt ist die zweitgrößte Englands, nach London natürlich und wir haben uns, abgesehen von einem kleinen Abstecher in den botanischen Garten, eigentlich nur in den Randbezirken aufgehalten.
Die Ghettoisierung, die man aus den Nachrichten so kennt, sieht man hier deutlich. In manchen Vierteln der Stadt leben vorallem Inder, in anderen Menschen muslimischer Herkunft. Die Bewohner dieser Viertel sind durchwegs traditionell gekleidet und in den Schaufenstern anliegender Geschäfte werden Waren wie Saris, Teppiche oder Bollywoodfilme feilgeboten. Viele kleine Märkte und Imbissbuden ergänzen das Straßenbild. In den großen Kaufhäusern sind die exotischsten Produkte zu günstigen Preisen erhältlich. Ein paar Häuser weiter wohnen dann wieder lauter Briten und die angebotenen Waren sind regional beschränkt und so kann man an Birmingham die Situation misslungener Integrationspolitik ablesen. Im Vergleich dazu scheint Wien mit seinem Schmelztiegel verschiedener Kulturen und zentral positionierten „Sehenswürdigkeiten“, wie dem Naschmarkt, ein äußerst fröhliches Miteinanderleben zu generieren. Endlich mal ein Grund stolz zu sein auf die Heimatstadt!
Der botanische Garten war gratis zugänglich und in viele verschiedene Bereiche unterteilt. Tropen, Wüste, Gebirge, gemäßigte Zone usw. waren als begehbare Innenräume angelegt. Der weitaus größere, begehbare Teil war als englischer Rosengarten, Farnwinkel, Römisches Atrium, Cottagehäuschen mit Kräutergarten uvm. ausgestaltet. Zu unserem Vergnügen, zugegeben nicht ganz frei von Zynismus, konnten wir eine feine Hochzeitsgesellschaft beobachten, die hier ihre Feier abhielt. Im klassisch englischen Stil gekleidet, in dickstoffenes Qualitätsgewand gehüllt und viele der Damen extravagant behütet.
Angeregt von dieser Begegnung freuten wir uns auf die Cotswold Hills, ein Erholungsgebiet im Westen von London, indem viele Wohlsituierte und Stars, ihre Anwesen haben.
Das erste Örtchen, Stanton, ist ein Traum, winzig und niemand Anrainerfremdes bewegt sich dort. Wir fühlten uns dennoch nicht als Eindringlinge, sondern wurden nur interessiert begutachtet, als wir („Oh Klischee ergieße dich über uns“) ein Spiel des Cricketclubs beobachteten. Anschließend spazierten wir, vorbei an süßen, beigefarbenen Steinhäuschen mit üppigen Blumengärten – die Fenster und Türen standen hier lässig unbeängstigt offen, „Neighborhood Watch Area“ selbstverständlich – , aus dem Dorf hinaus, entlang der sanften, englischen Hügel, bestiegen eine mächtige Eiche und machten uns wieder von dannen.
Anscheinend hatten wir hier wirklich einen Glücksgriff gelandet, vielleicht war aber auch unser folgendes Timing nicht gut, denn der nächste Ort war weniger idyllisch, wenn auch nicht aufgrund der Optik, so wegen der vielen Besucher. Aber was hatten wir uns auch dabei gedacht Bourton-On-The-Water an einem sonnigen Sonntagnachmittag zu besuchen. Flüchtend vor den Massen fanden wir in Little Faringdon Asyl, direkt neben einem wogenden Kornfeld, dessen verblassende Grüntöne sich allmählich ins Gelbe verschoben und so an den nahenden Sommer gemahnten.
Am nächsten Tag brachen wir nach Oxford (ca. 2 Stunden entfernt) auf. Jedoch war auch hier der Zeitpunkt äußerst ungünstig: Eine Paradestudentenstadt am Zeugnistag zu besuchen hat zwar einen eigenen Reiz – man bekommt trotz Freisemester den Ferienbeginn mit und sieht viele junge Menschen mit witzigen, schwarzen, viereckigen Quastelhüten – aber es ist halt trotzdem nicht dasselbe. Die mittelalterlich verzierte Stadt wirkte bald ausgestorben und wie im trägen Sommerschlaf und von den edlen Universitäten sahen wir leider nur die Innenhöfe. Was überraschte war, dass das Flair des Städtchens etwas weniger versnobt ist als angenommen. An der Atmosphäre merkt man, dass während des Studienjahres viele junge Leute hier leben, es gibt einen großen Park, viele kleine Pubs und irgendwie gleicht die ganze Innenstadt einem erweiterten Campus.
Am Abend fuhren wir an den Rand von London, um am darauffolgenden Tag Festivaltickets für Portugal im Szenebezirk Camden zu erstehen. Wir merkten wiedermal wie klein die Welt doch ist, als wir feststellten den Verkäufer der Karten über Salzburger Ecken zu kennen. Zu meinem großen Bedauern konnten wir nur bis zum Abend bleiben, da das Parken in London unglaublich teuer ist. Die hohen Preise sind auch der Grund warum die meisten hier nicht Fuß fassen können, wurde uns gesagt. Nachdem wir bei unserem ersten Besuch in der Hauptstadt vorallem die klassische Tourismustour absolviert hatten, konzentrierten wir uns diesmal auf dieses Viertel, das wirklich genügend zu bieten hat: schräg gestylte Leute, kuriose Geschäfte, Neonbeleuchtung, eine Marktstraße mit zahlreichen Cafés und Restaurants und alles in ständiger Bewegung und greller Üppigkeit, sodass einem die Augen übergehen. Daneben ein paar Kanäle an deren Ufern man entspannen kann und ein großer Park mit schöner Sicht aufs Zentrum.
Wir fuhren einmal quer durch die ganze, vibrierende Stadt, um hinaus zu gelangen, standen streckenweise im Stau und hatten so eine Stunde lang ausführlich Zeit Abschied zu nehmen. Da ich diese Stadt jedoch liebe, wie kaum eine andere, war es sicher keiner für immer!
Die nächsten Tage verbrachten wir am südöstlichen Zipfel Großbrittaniens, am Sandwich Bay, wo kreischende Möwengangs ihr Unwesen treiben. Dann verschoben wir die Fähre und entspannten zwei Tage auf einem Campingplatz unter exzessiver, fast schon missbräuchlicher Nutzung des Internet-Sticks (der in Frankreich nicht mehr funktionstüchtig sein wird), sprich Serienendlosschleifen schauen bis die Augen triefen und die Ohren glühen.
Am letzten Tag unseres Aufenthaltes verfolgten wir in einem kleinen Pub (diesmal wurden sämtliche englischen Klischees erfüllt: eng, schummriges Licht, Barhocker und Holztische, jede Menge brüllender Briten und reichlich Alkohol, diesmal sogar in echten Gläsern) das Spiel Deutschland-England. Wir hielten zu England, wurden selbst jedoch für Deutsche gehalten und auch unser demonstratives Traurigdreinschauen an entscheidenden Stellen konnte unsere unterstellte Tarnung nicht aufrechterhalten. Schlussendlich mussten wir vorzeitig durch einen tobenden Tumult wütender und in der nationalen Ehre schwer getroffener Fußballfans – warum die sich hier noch immer wie Ritter verkleiden versteht kein Schwein - und an die Wand geschmissener, zerberstender Glasbehälter fliehen. Noch einen Kilometer vom Pub entfernt konnten wir sie in ekstatischem Wahnsinn „you fucking white cocks“ schreien hören, dabei hatten wir gar keine weißen Deutschland-Dressen an und waren außerdem durch unsere aufgemalten Oberlippenbärtchen klar erkenntlich als Österreicher deklariert ;)
Etwas weiter südlich in Dover legte unsere Fähre ab. Der Weg zum Hafen war gesäumt von abgebrannten Interrail Reisenden, die auf zerknitterten Kartons um ein Charity-Ticket nach Frankreich flehten. Wir am Ende des Monats selber abgebrannt, konnten leider nicht weiterhelfen; so blieb uns nur der Aufbruch und das Zurückblicken auf die, in dickem Dunst liegende, Küste mit ihren gespenstisch weißen Klippen.
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